Smart Grid und Smart Home: Wie das Energiesystem der Zukunft funktioniert

Das Stromnetz steht vor seinem größten Umbau. Weil Wind- und Solarstrom stark schwanken, muss das Netz intelligent werden. Das Smart Grid gleicht Erzeugung und Verbrauch in Echtzeit aus. Voraussetzung dafür ist das Smart Home, das einzelne Geräte steuerbar macht. Smart Meter bilden die Schnittstelle zwischen Haushalt, Netzbetreiber und Energieversorger. Das senkt Kosten und CO2-Ausstoß.


Das Wichtigste in Kürze

  • Das Smart Grid passt die Stromerzeugung in Echtzeit an den Verbrauch an. Es ist die Antwort auf die schwankende Einspeisung aus Wind und Sonne.

  • Das Smart Home ist die Voraussetzung für ein funktionierendes Smart Grid, weil es einzelne Geräte vernetzt und steuerbar macht.

  • Smart Meter sind die Datenschnittstelle zwischen Haushalt, Netzbetreiber und Energieversorger. In Deutschland ist ihr Einbau seit 2023 gesetzlich geregelt und wird stufenweise verpflichtend.

  • 2023 stammten in Deutschland über 50 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Der weitere Ausbau verschärft den Bedarf an intelligenten Netzen.

  • Das Nord-Süd-Gefälle, also Wind im Norden und Industrie im Süden, macht den Netzausbau zur zentralen Herausforderung.


Als Vater der Energiewende gilt vielen der amerikanische Physiker Amory Lovins. In den 1970er-Jahren belächelt, wurde er 2016 auf dem Berlin Energy Transition Dialogue für seine Forschung ausgezeichnet. Sein Kernsatz ist heute Realität: Globale Energiepolitik ist in Zeiten von Krisen und Konflikten auch Sicherheitspolitik. Ressourcen schonen und erneuerbare Energien fördern sind die Gebote der Gegenwart.

Die umweltfreundliche Technologie ist oder wird billiger als die herkömmliche.

Amory Lovins

Was ist ein Smart Grid und warum brauchen wir es?

Das Smart Grid ist das intelligente Stromnetz. Es passt die Stromerzeugung an den Verbrauch an und ist auf eine Versorgung ausgelegt, in der erneuerbare Energien dominieren. Den finanziellen Kern erklärt ein einfaches Beispiel: Ein Hotelzimmer im Skiort kostet im Winter mehr als im Frühjahr, ein Cabrio wird ausgerechnet im Herbst erschwinglich. Den Zusammenhang von Nachfrage und Preis kennt jeder. Beim Strom fehlt er bisher: Eine Kilowattstunde kostet am frostigen Wintermorgen gleich viel wie am heißen Sommernachmittag.

Deutschland hat hier große Fortschritte gemacht. 2023 stammten bereits über 50 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Dieser Meilenstein zeigt die Dynamik der Energiewende und zugleich, warum das Netz nachziehen muss.

Warum muss das Stromnetz intelligenter werden?

Je mehr Strom aus erneuerbaren Quellen stammt, desto deutlicher reicht die bestehende Infrastruktur nicht aus. Stromnetze müssen sich mit einem Datennetz verbinden, das Erzeugung, Verteilung und Speicherung koordiniert. Informations- und Kommunikationstechnik steuert die Energiezufuhr bedarfsgerecht. Spannungsschwankungen, Verfügbarkeiten und Fehlermeldungen werden gebündelt, um eine reibungslose Versorgung zu sichern. Voraussetzung dafür: Die Haushalte selbst werden intelligenter.

Warum reicht die zentrale Stromerzeugung nicht mehr?

Erneuerbare Energien entstehen naturgemäß nicht immer dort und dann, wo und wann sie gebraucht werden. Um sie ins System zu integrieren, müssen Netze ausgebaut und neue Speicher gefunden werden.

Bisher gilt: Kraftwerke stellen so viel Strom bereit, wie Haushalte und Industrie verbrauchen, sie richten sich also nach der Lastkurve. Zur Deckung der Spitzenlast, meist an kalten Wintervormittagen, fahren Speicherkraftwerke kurzfristig auf volle Leistung hoch. Diese ständige Bereitschaft ist teuer und ineffizient. Künftig soll sich die Nachfrage über Preissignale stärker dem Angebot anpassen. Genau hier setzt das Smart Grid an, weil Wind und Sonne vom Wetter abhängen.

Funktioniert das Smart Grid schon in der Praxis?

Ja. Schon 2016 testete ein Forschungsteam auf dem EUREF-Campus in Berlin-Schöneberg ein Micro Smart Grid. Es besteht bis heute und umfasst inzwischen 36 Ladestationen für Elektroautos. Damit das Netz nicht überlastet, kann Strom aus den Autobatterien auch zurück ins Netz fließen.

Dass die Logik auch größer funktioniert, zeigte das Projekt SmartRegion Pellworm. Auf der nordfriesischen Insel wurde der überschuss aus Wind und Sonne in leistungsstarken Batterien und in Heizungssystemen gespeichert. Schon 2018 war klar: Das Smart Grid funktioniert dort nicht nur, sein Betrieb ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Dass Pellworm bis heute Strom aus nicht erneuerbaren Quellen nutzt, liegt nicht an der Machbarkeit, sondern an der Komplexität des deutschen Energienetzes und den gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Welche Rolle spielt das Smart Home?

Voraussetzung für all das ist eine Schnittstelle zum Energieversorger, die eine Steuerung von Geräten zulässt. Diese automatisierte Verbindung von Verbrauchern und Erzeugern im Gebäude heißt Smart Home. Nur dort, wo die Heizung das offene Fenster erkennt und Kühlschrank, Waschmaschine und Beleuchtung vernetzt sind, lassen sich die Geräte optimal steuern.

Künftig steuert ein Zusammenspiel aus den Bedürfnissen der Bewohner, der Wetterprognose und dem Angebot an günstiger Energie die Geräte, unabhängig davon, wo man gerade ist. Intelligente Stromzähler, die Smart Meter, erfassen den Verbrauch in Echtzeit und verbinden Haushalte, Netzbetreiber und Energielieferanten.

Was leisten Smart Meter?

Smart Meter sind ein zentraler Baustein der Energiewende. Sie helfen, Energie effizient und kostengünstig zu nutzen, entlasten das Netz und geben Kunden einen detaillierten Überblick über ihren Verbrauch. So lassen sich Erzeugung, Verbrauch und Einsparung besser steuern.

Das Gesetz zum Neustart der Digitalisierung der Energiewende von 2023 beschleunigt den Einbau. Es sieht eine stufenweise Einbaupflicht vor, unter anderem für Haushalte mit einem Jahresverbrauch über 6.000 Kilowattstunden oder einer Photovoltaik-Anlage über sieben Kilowatt installierter Leistung. Bis 2030 sollen diese Abnehmer weitgehend ausgestattet sein. Haushalte mit geringerem Verbrauch erhalten ein Recht auf den Einbau eines intelligenten Stromzählers.

Warum ist Deutschland ein Sonderfall?

Deutschland hat eine besondere Geografie der Energie. Zwei der größten Industrieregionen liegen im Süden, die wichtigste erneuerbare Quelle Wind vor allem im Norden. Dieses Nord-Süd-Gefälle prägt Entwicklung und Einsatz von Smart Grids. Vier Punkte sind dabei entscheidend:

–    Flexibilität und Ausgleich: Smart Grids im windreichen Norden müssen unregelmäßige Windenergie managen und Überschüsse speichern oder weiterleiten. Im Süden liegt der Fokus auf der Speicherung von Solarstrom.

–    Regionale Netzbelastung: Das Gefälle führt zu unterschiedlicher Belastung der regionalen Netze. Smart Grids gleichen das aus, indem sie Verbrauch und Erzeugung intelligent steuern und Überlastungen minimieren.

–    Energiehandel und -verteilung: Smart Grids fördern den effizienteren Handel zwischen Regionen, etwa die Übertragung von überschüssigem Windstrom aus dem Norden in den Süden. Das erfordert den Ausbau der Netzinfrastruktur.

–    Anpassung an lokale Gegebenheiten: Smart Grids müssen an regionale Energiequellen, Verbrauchsmuster und Infrastruktur angepasst werden.

Die Herausforderung besteht darin, ein landesweites System zu entwickeln, das flexibel genug ist für regionale Unterschiede und für die dynamischen Schwankungen in Erzeugung und Nachfrage.

Fazit: die größte Transformation des Stromnetzes seit seinem Bestehen

Das Stromnetz steht vor dem größten Umbau seiner Geschichte. Die Schwierigkeit liegt im Umbau bei laufendem Betrieb. Das erfordert hohe Investitionen in Infrastruktur und Technik und stellt große Anforderungen an Sicherheit und Zuverlässigkeit. Datenschutzfragen rund um Smart Meter müssen sorgfältig gelöst werden, um die Privatsphäre zu schützen und die Akzeptanz zu erhöhen.

Unsere Versorgung speist sich auf absehbare Zeit aus erneuerbarem Strom, dessen Gewinnung stark schwankt. Informations- und Kommunikationstechnik steuert die Energiezufuhr bedarfsgerecht. Das Smart Home ist die Voraussetzung für ein effektives Smart Grid. Durch die Verbindung von Haushaltsgeräten mit intelligenter Steuerung lässt sich der Verbrauch optimieren und an das Angebot anpassen. Das spart Geld und senkt den CO2-Ausstoß. Höchste Zeit, Smart-Home-Technik nicht nur zum eigenen Nutzen, sondern für eine saubere Zukunft einzusetzen.

Häufige Fragen zu Smart Grid und Smart Home

Über den Autor

Christopher Strobel berät Unternehmen zu Smart Home, SHK und technischer Gebäudeausrüstung. Als ehemaliger Verleger von Fachzeitschriften im SHK- und TGA-Segment kennt er die Branche aus langjähriger Praxis. Mehr unter christopherstrobel.de.

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